Posted by on 15. Februar 2019

Die korrekte Anlehnung ist ein vieldiskutiertes Thema.

Dabei ist Anlehnung ein so trefflich beschreibendes Wort. Es hat nichts mit Zerren oder Ziehen, Zwang oder Druck zu tun.
Anlehnung bedeutet, das Pferd selbst lehnt sich vertrauensvoll, und losgelassen an die Hand des Reiters an. Ich möchte hier wieder die Worte sich selbst hervorheben, wie bei sich selbst ausbalancieren und sich selbst tragen. Sich selbst spielt meines Erachtens in den ersten drei Ausbildungspunkten eine wichtige Rolle, die in der Pferdeausbildung immer wieder falsch verstanden wird.

Sich selbst ausbalancieren heißt: ich klemme mein Pferd nicht zwischen beide Schenkel und drücke es in eine falsche Balance. Ich lasse es seine eigene Balance finden und versuche dabei so korrekt wie möglich zu sitzen, es so wenig wie möglich zu stören und mich seinen Bewegungen und seine Balance anzupassen.

Sich selbst tragen lassen bedeutet nicht: ich stelle meine Hand dahin wo ich glaube, dass die Stelle ist, an der sich das Pferd selbst trägt, das ist nämlich sowieso fast immer falsch.
Es bedeutet vielmehr, dass ich in der Lage bin zu fühlen, wie sehr sich das Pferd im Rumpf bereits stabilisieren kann und wo es seinen Kopf dabei am bequemsten und stabilsten halten kann. Vor allem aber bedeutet das zu erkennen, wann das Pferd eine andere schonenedere Kopfhaltung einnehmen muss, weil die Muskulatur ermüdet (abhängig vom Trainingszustand und nicht von der Zeit, die der Reiter vorgibt).

Das nicht Erkennen von Ermüdungszuständen und das Verpassen des kleinen Augenblickes, indem ein junges oder untrainiertes Pferd versucht die korrekte Haltung einzunehmen sind die Hauptfehler in der Ausbildung des Pferdes.
Wenn die Entlassung aus einer unangenehmen Körperhaltung und das Lob für einen korrekten Versuch zu spät kommen, sind Tage, wenn nicht Wochen guter vorangegangener Ausbildung für die Tonne. Es ist Aufgabe eines guten Reiters oder Trainers, diese Zeitpunkte zu erkennen und danach zu handeln.
So muss es mir als Reitlehrer oder Kursleiter egal sein, ob jemand bei mir eine Stunde Reitunterricht gebucht hat. Wenn das Pferd nach 15 Minuten Lösungsarbeit bestimmte Körperhaltungen aufgrund von Ermüdungserscheinungen nicht meher einnehmen kann, muss ich den Unterricht beenden.
Wenn ich als Reiter bemerke, dass sich das Pferd nach dem dritten Sprung über ein kleines Hinderniss im Bereich der Rumpfträger verspannt, dann habe ich das Training zu beenden. Und wenn jemand das nicht selbst fühlt, dann muss er sich Hilfe holen und nicht alleine trainieren.

Wieder einmal vom Thema abgeschweift, aber leider gehört eben doch alles zusammen. Also Anlehnung bedeutet, dass das Pferd von sich aus nach der Hand des Reiters sucht.

Dazu muss es in der Lage sein, seinen Takt zu halten (denn sonst wird es für den Reiter ungleich schwerer, mit der Hand die Bewegungen des Kopfes nachzuvollziehen) und es muss losgelassen und im Gleichgewicht sein, sonst wird es von sich aus nicht nach der Hand suchen. Der Versuch, eien Pferd „die Hand hinzustellen“, damit es sie annehmen kann (oder muss) oder „die Hand stehen zu lassen“ um eine bestimmte Lektion zu reiten ist grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Eine Einschränkung der freien Beweglichkeit des Kopfes ist immer eine Einschränkung der Bewgung des gesamten Pferdekörpers.

Wieviel sich der Pferdekopf bewegt ist abhängig davon, wie gut sich ein Pferd im Rumpf stabilisieren kann. Die vollständige Stabilisation des Rumpfes und damit die Verkleinerung des Radius der Kopfbewegung kann erst nach erfolgreichem Geraderichten erreicht werden. Das übrigens erst in der Klasse M ausdrücklich erforderlich ist. Die vollständige Stabilisation des Rumpfes ist auch die grundlegende Voraussetzung für die Aufrichtung. Weshalb ich es widersinnig und geradezu dumm finde, von Reitern in den Lektionen bis Klasse L eine „Aufrichtung“ zu verlangen. Bis in diese Klassen muss ein locker fallengelassener 6./7. Halswirbel, ein Hals in Dehnungshaltung mit gedehntem Ganaschenbereich (Nase vor der Senkrechten) und der Hals/Kopf in freier uneingeschränkter Beweglichkeit oberstes Ziel sein.

Und zu guter Letzt hat Anlehnung wieder etwas mit einer Vertrauensbasis zwischen Pferd und Reiter zu tun. Ohne ein zuverlässiges Verhalten von Seiten des Reiters, ohne Wissen über Bewegungen und der körperlichen Fähigkeit diesen Bewegungen zu folgen und ohne Verständnis für das Wesen des Pferdes werden wir diese Vertrauensverhältnis nicht erzielen.

Anlehnung 11
Anlehnung 12

Pferd mit etwas zu wenig Dehnung in der Ganasche, dadurch ist die obere Halsmuskulatur nur im vorderen Bereich (Genick) aktiviert. Im hinteren Bereich des Halses überwiegt der Tonus in der unteren Halsmuskulatur, die Rumpfträger (M. serratus ventralis cervicis)sind nicht aktiv. Das Pferd „fällt“ zwischen den Schulterblättern nach unten durch, der Widerrist wirkt tiefer als die obere Kontur der Hinterhand, Pferd trägt sich nicht. Das Pferd fällt leicht auf die Vorhand, die Stirnlinie befindet sich etwas hinter der Senkrechten. Die Problematik ist vielleicht etwas der auf den Oberschenkel gedrückten Hand der Reiterin geschuldet, die nicht frei getragen und damit nachgiebig genug ist.

Anlehnung 07
Anlehnung 08

Pferd deutlich hinter dem Zügel und verworfen, inaktive obere Halsmuskulatur. Pferd fällt in der Schulter durch, Widerrist nicht höchster Punkt, 3. Halswirbel dagegen schon, Pferd läuft auf die Vorhand. Hände wieder nicht getragen, Pferd wird nach untern gedrückt.

Anlehnung 10
Anlehnung 09

Reiterin während der Reitstunde: Hand getragen und nachgiebig. Kopf vor der Senkrechten, obere Halsmuskulatur aktiver (könnte mehr sein insbesondere im unteren Halsbereich), Genick fast höchster Punkt, Pferd beginn sich zu tragen und sucht Anlehnung nach vorne und nicht nach hinten wie in den vorherigen Bildern.

Anlehnung 04
Anlehnung 03

Pferd mit massiven Blockaden in der Halswirbelsäule (HW 4-7) und in Bereich der Rumpfträger. Pferd läuft auch ohne Anlehnung zu Beginn der Lösungsphase in fixierter Kopf-Halshaltung, wenn auch nicht hinter der Senkrechten. Hier zeigt sich deutlich ein mangelnder Tonus in der oberen Halsmuskulatur und ein Durchsacken im Bereich des Widerristes. (Gut erkennbar am angedeuteten „Axthieb“ auf der Deteilaufnahme). Pferd läuft in den Boden, Schultergliedmaße greift nicht aus, Bauch hängt durch Fesselgelenke aufgrund mangelhafter Schwungabfederung durch die Bauch- und Zwerchfallsmuskulatur extrem durchgetreten.

Anlehnung 01
Anlehnung 02

Reiterin während der Reitstunde: Kopf vor der Senkrechten, obere Halsmuskulatur aktiv, Bauchmuskulatur aktiv, Pferd trägt sich besser (Rumpfhebung erkennbar im Bereich vor der Reiterhand: im Vergleich zu den Bildern vor der Korrektur deutlich angehoben). Der Raumgriff in der Schultergliedmaße ist verbessert, bessere Stellung in den Fesselgelenken.

Anlehnung 05
Anlehnung 06

Pferd in guter Haltung, Maul sucht Kontakt vor der Senkrechten, aktive obere Halsmuskulatur und Bauchmuskulatur, Ganaschen in Dehnung, gut getragenen Reiterhand, Pferd trägt sich, Widerrist höchster Punkt.