Posted by on 14. Februar 2026

Oder sollte man fragen, ab wann wird die aktive Aufrichtung und Selbsthaltung des Pferdes zu einer Illusion und zur passiven Aufrichtung des Pferdes durch die Reiterhand? Wann verkommt die Leichtigkeit der Vorhand zu spastischen Bewegungen mit unphysiologischen Taktstörungen und einer fehlgeleiteten Auffassung von Gangreinheit.

Was sind die osteopathischen Folgen einer solchen Reitweise? Gibt es seelische Folgen?

Jeder kennt sie, die Selbsthaltung des Pferdes, die aktive Aufrichtung, das sich selbst tragen, die weiche Anlehnung usw. Und alle reiten natürlich auch so. Ist ja klar. Aber ist das wirklich so?

Vielleicht erst mal zu den Grundlagen einer erfolgreichen Selbsthaltung.

Die Leichtigkeit der Vorhand oder das sich selbst tragende Pferd

Der ungehinderte Fluss der Bewegung durch den Pferdekörper hindurch, also das vorwärts strebende Pferd ist die Grundlage für eine Leichtigkeit in der Vorhand. Aber was bedeutet die Floskel vorwärts reiten? Hat vorwärts reiten etwas mit dem Treiben oder der Geschwindigkeit, also dem Takt zu tun oder steckt dahinter etwas völlig anderes?

Pferd Dehnung, Vorhand frei, Thorax getragen, vorwärts abwärts

Zu diesem Bild:
Pferd in vollendeter Dehnung vorwärts abwärts(vielleicht ein kleines bisschen hinter der Senkrechten). Das Pferd dehnt sich sichtbar an die Hand heran, verlangt vollen Kontakt zum langen, fast an der Schnalle gehaltenem Zügel. Unterarm und Zügel eine Linie, Rücken deutlich aufgewölbt mit deutlich sichtbarer Lendenmuskulatur in vollendeter Dehnungsarbeit. Fussung sichtbar und klar diagonal bei klarem erhaltenen Takt, völlig gelöst und entspannt.
Der Reiter ist ein (wenn auch begabter) Reitanfänger mit 1/2 Jahr Praxis.

Was man an diesem Bild deutlich erkennt ist, dass der Fluss der Bewegung durch den ganzen Körper des Pferdes geht. Und trotz der vorwärts abwärts Dehnung des Pferdes erkennt man deutlich seine sich selbst tragende Haltung und die Freiheit der Bewegung der Vorhand. Ohne Verspannung und ohne erzwungene fehlerhafte Bewegungen.

Und was dieses Bild auch deutlich zeigt, auch ein Reitanfänger kann auf einem gut ausgebildeten Pferd toll aussehen, die Frage ist, wie würde dieser Reiter auf einem jungen und unausgebildeten Pferd aussehen? Und heißt ein ausgebildetes Pferd reiten zu können automatisch, ein Pferd auch ausbilden zu können?

Die Leichtigkeit der Vorhand resultiert nicht aus dem vorwärtstreibenden Schenkel

Im Gegensatz dazu ein unausgebildetes Pferd, bei dem der Fluss der Bewegung noch nicht durch den Körper geht. Aufgrund mangelnder Balance und einem nicht gefestigten ruhigen Takt tritt es nicht an die Reiterhand heran, trägt sich nicht selbst und besitzt daher auch keine Freiheit in der Vorhand.

Pferd in Dehnungshaltung, Vorhand nicht frei

Pferd sucht keinen Kontakt zur Hand des Reiters. Es geht nicht vorwärts abwärts, trägt sich nicht selbst und besitzt auch keine Leichtigkeit in der Vorhand. Das Pferd fällt klassisch auf die Vorhand, bei einer erfahrenen Bereiterin mit mehreren Jahren Reiterfahrung.

Auf dem ersten Bild reitet die Reiterin das Pferd in einem dem Pferd angenehmen Takt. Das Pferd kann sich zwar noch nicht selbst tragen und hat keine richtige Balance, aber alles in allem ist es korrekt geritten. Um es weiter zu entwickeln würden sich jetzt große Wendungen in ruhigem Takt und ganze Bahn mit leichtem Schulterherein anbieten. Ohne einen erzwungenen Kontakt mit der Hand. Dann würde das Pferd Balance gewinnen und langsam anfangen sich selbst zu tragen und an die Hand zu treten. Alles was es hier brauchen würde, wäre Zeit und Geduld und ein bisschen Gefühl für kleine Erfolge und das entsprechende motivierende Lob.

Im nächsten Bild reitet die Reiterin das Pferd mehr vorwärts. Mit dem Erfolg, dass sich eine Taktverschiebung einstellt und das Pferd keine klare Trab-Diagonale mehr zeigt. Es fällt immer noch auf die Vorhand und liegt jetzt aber auf der Hand.

Verlust des Taktes

Pferd legt sich auf die Hand des Reiters. Es geht nicht vorwärts abwärts, trägt sich nicht selbst und besitzt auch keine Leichtigkeit in der Vorhand. Das Pferd fällt klassisch auf die Vorhand, bei einer erfahrenen Bereiterin mit mehreren Jahren Reiterfahrung.

Die fehlerhaften Bewegungsmuster im modernen Reitsport

Was diese Bilder zeigen ist, dass mit dem Schenkel von hinten vorwärts reiten nicht das Gleiche ist, wie losgelassenes vorwärts reiten mit der entstehenden Leichtigkeit der Vorhand.
Richtiges Vorwärts entsteht aus der Festigung des Taktes, aus der Balance und dem vorwärts aufwärts an die Hand treten des Pferdes. Durch eine sich beugende und streckende, entspannende und anspannende im Takt arbeitende Muskulatur.
Vorwärts reiten über den Takt des Pferdes auch ohne Handeinwirkung verursacht statt dessen eine Taktverschiebung mit Vorhand am Boden und diagonaler Hinterhand in der Luft (das Pferd trägt sich ja nicht und fällt auf die Vorhand).

Richtet man dieses unausgebildete Pferd jetzt an der Hand auf bekommt man genau das Bild, das man bei unseren ganzen internationale Sportreitern sieht:
ein Pferd hinter der Senkrechten mit unphysiologischer Taktverschiebung und Aufhebung der diagonalen Fussung im Trab.
Dies ist also keine wirkliche Freiheit oder Leichtigkeit der Vorhand. Sie ist auch nicht mit einem aktiv arbeitenden Rücken verbunden, sondern mit einem abgesenktem Thorax, einer hervortretenden Unterhaltmuskulatur, einer Nase hinter der Senkrechten und einem weggedrückten Rücken. Die Hinterhand dieser Pferde wird niemals unter den Schwerpunkt treten.

Pferd ohne Aufrichtung und ohne Leichtigkeit der Vorhand

Die Folgen derartiger Bewegungsmuster

Wenn man das Pferd auf Bild 1 sieht, fühlt man sich vielleicht am ehesten an ein ruhig grasendes Pferd erinnert. Und genau diese Hormone herrschen im Pferdekörper derartig gerittener Pferde vor. Oxytocin beherrscht das Geschehen, das Pferd ist entspannt, fühlt sich sicher, seine Muskulatur ist locker, die Atmung und der Herzschlag ruhig bzw. der Anstrengung der Bewegung angepasst. Es bildet sich eine gute, belastbare Muskulatur aus. An Bändern und Gelenken und der Wirbelsäule entstehen keine Schäden. Das Pferd ist trittsicher und nicht verletzungsanfällig.

Wenn man jetzt ein ruhig grasendes Pferd erschrecken würde, das einen Schritt rückwärts machen würde und den Kopf hochreißen würde, dann ist das wohl das Bild, das man am ehesten mit Bild 4 in Verbindung bringen würde.
Bei diesen Pferden wird in großen Mengen Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Die Muskulatur ist verkrampft, das Pferd gestresst, der Magen sauer, die Bänder unflexibel, die Gelenke fehlbelastet. Das Nackenband ist gestresst und die Schleimbeutel des Nackens unter Druck. Die Halswirbelgelenke 0-3 sind in Hyperflexion, die Halswirbel 5-7 sowie die Thoraxwirbel in Hyperextension. Die ventrale Faszienkette ist außer Funktion und die Muskulatur muss die Tragearbeit übernehmen, obwohl sie nicht zur Dauerbelastung ausgebildet ist. Die fehlende Stützwirkung der ventralen Faszie wirkt sich bis in die Zehengelenke aus, diese sind durchtrittig. Es entstehen Schäden an den Zehengelenken, den Beugesehnen oder den Fesselträgern.

Derartig ausgebildete Pferde sind unruhig und unsicher und werden von ihren Reitern dann häufig als schwierig bezeichnet. Denn body frame entspricht frame of mind. Man sollte sich also nicht wundern dass es immer mehr Pferde gibt, die angeblich elektrisch oder schwer zu reiten sind.
Denn das sind die Folgen einer derartigen Ausbildung und Reitweise.

Posted in: Osteopathie